Lehre. Im Rathaus ist seit kurzem die Ausstellung „Königslutter und der Krankenmord – Die Landes- Heil- und Pflegeanstalt Königslutter im Nationalsozialismus“ zu sehen. Die Ausstellung ist ein Projekt des Arbeitskreis Andere Geschichte e. V. Braunschweig. Die Ausstellung macht auf die bislang namenlosen Opfer der NS-„Euthanasie“ aufmerksam.

Zu der Ausstellung, die bis zum 14. Februar 2023 während der Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen ist, wird ein Begleitprogramm angeboten. Am 17. Januar 2023 und am 7. Februar 2023 finden jeweils Führungen durch die Ausstellung statt. Der Beginn ist jeweils um 16.30 Uhr – eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Führungen können unter der folgenden Mailadresse gebucht werden: andere_geschichte_braunschweig@t-online.de.

Eröffnet wird die Ausstellung offiziell am 12. Januar 2023 um 17.00 Uhr im Rathaus. Interessierte sind zu dieser Veranstaltung herzlich eingeladen. Zuerst war die Ausstellung „Königslutter und der Krankenmord“ im letzten Sommer in der Gedenkstätte KZ-Außenlager Braunschweig Schillstraße zu sehen.

Auch Menschen aus der Gemeinde Lehre wurden Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen. Hans Tepelmann aus Braunschweig lebte auch in Wendhausen. Er wurde 1941 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet. Die Ausstellung würdigt ihn mit einem Lebensalbum. Auch Marie Kopp aus Essehof und Peter Becker aus Lehre wurden aus der Heil- und Pflegeanstalt Königslutter nach Bernburg gebracht und dort im Jahr 1941 ermordet. Über beide Personen ist bislang nur wenig bekannt. Es bleibt die Aufgabe, über die „Euthanasie“-Verbrechen an ihnen aufzuklären und in Wendhausen, Essehof und Lehre an die jeweilige Person zu erinnern.    

Ausschnitt Folder, Arbeitskreis Andere Geschichte e.V., rechts: Hans Tepelmann

Lehre. Als ein Zeichen gegen das Vergessen findet am Sonnabend, 1. Oktober, ab 14.30 Uhr eine  Führung auf dem Gelände der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt (Muna) Lehre statt. Treffpunkt ist am 1. Oktober die Einfahrt zur Muna. Diese befindet sich im Kampstüh an der Kreisstraße nach Boimstorf, rund einen Kilometer hinter Lehre und ist seit kurzem ausgeschildert. An der Kreuzung Boimstorfer- und Berliner Straße und an der Einfahrt zur Muna weisen Hinweisschilder zum Mahnort Muna. Der Rundgang wird etwa 90 Minuten dauern.

Mit dem Rundgang auf dem ehemaligen Muna-Gelände soll an die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 erinnert werden. Uwe Otte, der ehemalige Ratsherr befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der Muna-Geschichte, wird berichten, welche Funktion die heute noch stehenden Gebäude vor 77 Jahren hatten.

Die Muna Lehre lieferte beispielsweise große Mengen Munition für den Überfall auf Polen am 1. September 1939. Auf dem rund 200 Hektar großen Muna-Gelände entstanden etwa 140 Gebäude – darunter 92 Bunker. Damit war die Muna zu jener Zeit flächenmäßig größer als der Ort Lehre.  

In der Muna waren mehrere Hundert Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Einsatz, darunter bis zu 400 sowjetische Kriegsgefangene und etwa 100 sowjetische Frauen. Mindestens 19 sowjetische Kriegsgefangene überlebten die Zwangsarbeit nicht. Insgesamt waren in der Muna während des Krieges etwa 1.200 Menschen tätig. Truppen des 8. US-Infanterieregiments befreiten am 12. April 1945 die Muna Lehre von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten.  

Im Sommer 1945 übernahmen die Briten als zuständige Besatzungsmacht die Muna. Bis zu ihrem Abzug im Februar 1951 sprengten die Briten Munition aus der Muna auf der „Neuen Wiese“. Die Räumung der letzten Rüstungsaltlasten auf dem ehemaligen Muna-Sprengplatz hat offensichtlich kürzlich begonnen. Auch daran wird bei dem Rundgang erinnert.    

Lehre. An der Kreuzung der Boimstorfer Straße und der Berliner Straße in Lehre hat es eine bedeutsame Veränderung gegeben. Zwei neue Hinweisschilder wurden vor kurzem installiert und weisen zum Mahnort Muna (und zugleich zum Gewerbegebiet Kampstüh). Und auch an der Einfahrt zur ehemaligen Heeresmunitionsanstalt (Muna) Lehre im Kampstüh, die seit 2012 ein Kulturdenkmal ist, steht nun ein entsprechendes Hinweisschild.

Entstanden war die Idee zur Ausschilderung der Muna am Rande der Eröffnung unserer Ausstellung zu den sowjetischen Kriegsgefangenen, die in der Heeresmunitionsanstalt Zwangsarbeit leisten mussten, im Rathaus im April 2018. Erfreulich: Die Gemeinde unterstützte die Idee, stellte einen entsprechenden Antrag beim Landkreis Helmstedt und übernahm auch die Kosten für die drei Schilder.

Und nach der Überwindung einiger bürokratischer Hürden ist nun knapp viereinhalb Jahre später die Idee erfolgreich verwirklicht. Der regional bedeutende Mahnort Muna Lehre ist jetzt innerörtlich ausgeschildert. Somit gibt es einen weiteren wichtigen Baustein in der Erinnerungskultur und ein Zeichen gegen das Vergessen.   

Lehre. Als ein Zeichen gegen das Vergessen findet am Sonnabend, 2. Juli, ab 14.30 Uhr eine  Führung auf dem Gelände der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt (Muna) Lehre statt. Treffpunkt ist am 2. Juli die Einfahrt zur Muna. Diese befindet sich im Kampstüh an der Kreisstraße nach Boimstorf, rund einen Kilometer hinter Lehre. Der Rundgang wird etwa 90 Minuten dauern.

Mit dem Rundgang auf dem ehemaligen Muna-Gelände soll an die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 erinnert werden. Uwe Otte wird berichten, welche Funktion die heute noch stehenden Gebäude vor 77 Jahren hatten. Außerdem will Otte, der ehemalige Ratsherr befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der Muna-Geschichte, darüber informieren, wie es gelang, von 18 sowjetischen Kriegsgefangenen, die die Zwangsarbeit nicht überlebten, die Personalkarten zu bekommen und Informationen daraus vorstellen.

Die Muna Lehre lieferte beispielsweise große Mengen Munition für den Überfall auf Polen am 1. September 1939. Bei den Munas handelte es sich um staatliche Rüstungsbetriebe, deren Aufgabe es war, Kampfmittel und Munition zusammenzusetzen und zu lagern. Auf dem rund 200 Hektar großen Muna-Gelände entstanden etwa 140 Gebäude – darunter 92 Bunker. Damit war die Muna zu jener Zeit flächenmäßig größer als der Ort Lehre.  

In der Muna waren mehrere Hundert Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Einsatz, darunter bis zu 400 sowjetische Kriegsgefangene und etwa 100 sowjetische Frauen. Insgesamt waren in der Muna während des Krieges etwa 1.200 Menschen tätig. Truppen des 8. US-Infanterieregiments befreiten am 12. April 1945 die Muna Lehre von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. In einem der Wohnhäuser richteten die Amerikaner anschließend ihr Hauptquartier ein. Lehre war bereits am Tag zuvor von den US-Soldaten befreit worden.

Im Sommer 1945 übernahmen die Briten als zuständige Besatzungsmacht die Muna. 1946 kam sie auf eine Liste von zehn derartigen Munitionsanstalten, die zerstört werden sollten. Vernichtet wurden dann aber 1947 nur die Materialien und Geräte, die zur Herstellung der Munition gedient hatten. Bis zu ihrem Abzug im Februar 1951 sprengten die Briten Munition aus der Muna auf der „Neuen Wiese“. Die Räumung der letzten Rüstungsaltlasten auf dem ehemaligen Muna-Sprengplatz soll voraussichtlich im Spätsommer beginnen. Auch daran wird bei dem Rundgang erinnert.    

Lehre. Aus Anlass der Befreiung der Ortschaft Lehre am 11. April 1945 und der Muna Lehre am Tag danach von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten durch US-Truppen fand am 9. April an der Einfahrt zur Börnekenhalle die Pflanzung einer Friedenseiche durch den Ortsbürgermeister und den Gemeindebürgermeister statt. Die Baumpflanzung sollte bereits vor zwei Jahren stattfinden: 75 Jahre nach der Befreiung durch amerikanische Truppen. Doch die Corona-Pandemie ließ das nicht zu.

Am 11. April vor 77 Jahren übergaben Hermann Bumcke und Wilhelm Koch am frühen Abend Lehre kampflos an die US-Truppen. Es gibt Überlegungen, eine Informationstafel an der Eiche aufzustellen, um über die Pflanzung und die Ereignisse am 11. und 12. April 1945 aufzuklären.  

Auf dem Foto sind zu sehen (von links): Ruth Faber (Zeitzeugin), Christa Bumcke (Schwiegertochter von Hermann Bumcke), Sigrid Schrader (Tochter von Hermann Bumcke), Ortsbürgermeister Heinrich Köther, Gemeindebürgermeister Andreas Busch

Lehre.

Truppen des 8. US-Infanterieregiments befreiten am 11. April vor 77 Jahren Lehre von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Sie rückten erst am nächsten Tag in die Muna ein, die im Zweiten Weltkrieg in die NS-Rüstungsproduktion eingebunden war. Auch in Lehre wurden sowjetische Kriegsgefangene zu Tode geschunden.

In Lehre herrschte am 11. April 1945 ein aufgeregtes Treiben, berichteten Zeitzeugen, die Uwe Otte befragt hat. Der ehemalige Ratsherr befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der örtlichen NS-Geschichte. An diesem 11. April wurde von Otto Lüer um 7 Uhr mit den Kirchenglocken Panzeralarm ausgelöst. Ein Schuhlager in der Schule wurde geplündert. Zu Plünderungen kam es auch in der Muna, dorthin hatten Firmen ihre Waren ausgelagert. Die Nazi-Führer waren nicht mehr zu sehen. Aus vielen Fenstern hingen weiße Bettlaken.

Die amerikanischen Truppen näherten sich am Wald von Brunsrode her. Sie gaben einige Warnschüsse aus einer Kanone und drei Feuerstöße aus einem Maschinengewehr ab und marschierten gegen Abend in Lehre ein. Den Ort, in dem die NSDAP bereits 1928 die stärkste Partei gewesen war, übergaben zwischen 17 und 18 Uhr zwei mutige Männer mit einer weißen Fahne: der schwer kriegsverletzte Hermann Bumcke und der Landwirt Wilhelm Koch. Nach den Warnschüssen hatte Hermann Bumcke die Initiative ergriffen und war zu seinem Nachbarn Wilhelm Koch gegangen: „Wilhelm, wir müssen da hin, sonst schießen die ganz Lehre zusammen!“ Der US-Hauptmann, auf den sie trafen, erkundigte sich nach Bumckes Kriegsverletzung und wollte erfahren, warum der Bürgermeister nicht zur Übergabe erschienen sei.  

Auch einige französische Kriegsgefangene gingen den US-Soldaten mit der Trikolore entgegen. Charles Lemaire hatte die Fahne am Morgen des 11. April aus Stoffresten gefertigt. „Ich war sehr stolz auf mein Werk“, schrieb er später an Otte. Die französischen Männer trafen am frühen Abend am Ortseingang auf das amerikanische Vorauskommando.

Erst am nächsten Tag, am 12. April 1945, erreichten zwei amerikanische Panzer das Muna-Gelände im Kampstüh. Sie richteten ihre Kanonen auf die Muna-Einfahrt und besetzten die Rüstungsfabrik kampflos. Alle Bewohner mussten vor dem Wachgebäude antreten und die Anordnungen der Amerikaner entgegennehmen. Unter anderem durfte das Muna-Gelände nicht mehr betreten werden. Die Übergabe verzögerte sich, weil die Amerikaner kein Deutsch sprachen und ein Übersetzer benötigt wurde. In einem der Wohnhäuser richteten sie anschließend ihr Hauptquartier ein.

Damit hat Lehre zwei Daten, die den Tag der Befreiung markieren: den 11. April 1945 und den 12. April 1945. Der Rat der Gemeinde Lehre hatte im Herbst 1935 per Beschluss den Kampstüh mit der Muna eingemeindet.

Das Gedenken an den 11. April hat in Lehre bereits Tradition. Seit den 1990er Jahren fanden Treffen auf dem Friedhof an der Zwangsarbeiter-Grabstelle statt. Radtouren führten zu den Stätten, die an die NS-Zeit erinnern. 1985 und 1995 fanden besondere Gedenkandachten in der evangelischen Kirche statt. 1995 berichteten Zeitzeugen sehr ausführlich, wie sie die Befreiung Lehres erlebten.

Und auch in der jüngeren Vergangenheit erfolgten wichtige Schritte gegen das Vergessen: Seit 2015 werden die Muna-Rundgänge angeboten und seit Sommer 2016 erinnert eine Informationstafel an der Muna-Einfahrt an die Geschehnisse im Kampstüh während der NS-Zeit. 2018 und 2020 beschäftigte sich eine Ausstellung im Rathaus Lehre mit den Leiden der sowjetischen Kriegsgefangenen in der Muna Lehre. Und vor zwei Jahren wehte zum 75. Jahrestag dieses bedeutenden Datums die US-Flagge vor dem Verwaltungsgebäude. In diesem Jahr wird am 9. April eine Fahrradtour stattfinden und im Anschluss daran die bereits vor zwei Jahren geplante Baumpflanzung.

Lehre.

Am 31. März vor 89 Jahren wurde der Gemeinderat durch die Nationalsozialisten gleichgeschaltet und damit das Ende der Demokratie in Lehre besiegelt. Darüber gibt das Protokollbuch der Gemeinde Lehre vom 15. Januar 1925 bis 29. Juni 1944 Auskunft, das Uwe Otte eingesehen hat. Der ehemalige Ratsherr beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der NS-Vergangenheit der Gemeinde Lehre.

Der Gemeinderat traf sich am 31. März 1933 zu seiner Sitzung in der Gaststätte von A. Bertram. Der neue Gemeindeeinnehmer, Schmiedemeister Albert Gerwig, wurde durch den Vorsteher August Bartels vereidigt. Unter dem Punkt „Verschiedenes“ wurde über die Arbeit der Wohlfahrtserwerblosen gesprochen. Dann ergriff der NSDAP-Propaganda-Obmann Willi Hellwald das Wort, um die Auflösung des Gemeinderats zu beantragen. Dazu heißt es im Protokollbuch: „Auf Antrag von Hellwald den Gemeinderat aufzulösen oder eine freiwillige Verzichtleistung von Mölle, Schulze und Jürgens, erklären Otto Schulze und Mölle ihren freiwilligen Rücktritt, Jürgens weigert sich, freiwillig zurückzutreten. Darauf erklärt der Gemeindevorsteher den Beigeordneten Fritz Jürgens als beurlaubt von den Sitzungen zum Gemeinderat bis zur endgültigen Klärung der Angelegenheit.“

Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um mehr oder weniger erzwungene Mandatsniederlegungen der Ratsherren handelte, denn Otto Schulze und Heinrich Mölle gehörten der SPD an und standen in Opposition zur NSDAP. Mit Fritz Jürgens, der ebenfalls nicht der NSDAP angehörte, und seiner Weigerung zum Rücktritt beschäftigte sich der Gemeinderat noch einmal am 12. September 1933: „Der Gemeinderat beschloß einstimmig eine Eingabe beim Staatsministerium zu machen mit dem Vermerk daß H. Jürgens einstweilen keine Strafe aufgegeben wird und H. Jürgens unter Bewährungsfrist zu stellen.“

Auf Seite 195 des Protokollbuchs wird an diesem 31. März die Zeitenwende mit einem „Schlussstrich“ unter den alten Gemeinderat sichtbar gemacht. Dort heißt es: „Durch die Gleichschaltung wurde der zeitige Gemeinderat aufgelöst, es waren darin vertreten.“ Es folgten die Namen der 1931 gewählten Ratsvertreter. Von den acht Gemeinderäten waren fünf NSDAP-Mitglieder. Darunter wurde ein schwarzer Strich gezogen. Damit war die Demokratie in Lehre Vergangenheit. Es heißt dann weiter: „Zu der Neuwahl wurde nur ein Wahlvorschlag der N.S.D.A.P. eingereicht, (…) die somit gewählt sind.“ Genannt wurden die acht Männer, die nun den Gemeinderat bildeten – alles „Parteigenossen“. Darunter der Ackermann und spätere Ortsgruppenleiter Richard Just und der Malermeister Heinrich Lüer, Bürgermeister von 1943 bis 1945. Zugleich wurden zwei Ersatzmänner benannt und das Gremium somit auf 10 Personen erweitert. Das alles geschah unrechtmäßig und die Vorgänge verdeutlichen, mit welcher Skrupellosigkeit die Nationalsozialisten vorgingen, um die Demokratie zu zerstören.

Am Abend zuvor, am 30. März 1933, war im Nachbarort Wendhausen der SPD-Kreistagsabgeordnete Fritz Brandes von einem SA-Kommando in sogenannte Schutzhaft genommen und in Braunschweig schwer misshandelt worden. Er wurde gezwungen, „freiwillig“ auf sein Mandat zu verzichten. Seit 2020 erinnert eine Informationstafel in Wendhausen an den späteren Bürgermeister und Landrat.

In der Ratssitzung am 1. Juni 1933 verlor auch Gemeindevorsteher August Bartels, nach Aussage eines Zeitzeugen ein „alter Konservativer und nicht Mitglied der NSDAP“, sein Amt. Ihm sei klar gewesen, dass er keine Chance auf eine Wiederwahl hatte. Bartels hatte das Amt seit 1921 bekleidet. Das Protokollbuch vermerkt dazu: „Neuwahl des Gemeindevorstehers! Der Gemeindevorsteher A. Bartels verzichtete auf seine Wiederwahl. Vom Gemeinderat wurde der Kotsaß W. Bethge sen. vorgeschlagen und auch einstimmig gewählt. (…)“ Mit Wilhelm Bethge sen. (NSDAP-Nr.: 129 298) war der NSDAP-Ortsgruppenleiter auch der neue Gemeindevorsteher des Ortes geworden.

Die Nazi-Herrschaft in Lehre dauerte bis zum 11. April 1945, dann befreiten US-Truppen den Ort. Der Neubeginn der Demokratie fand in Niedersachsen im September 1946 mit den Kommunalwahlen statt. Otto Schulze stellte sich dabei wieder für den Gemeinderat zur Wahl und auch Heinrich Mölle stand bei den Wahlen 1952 und 1956 erneut auf dem Stimmzettel. Es bleibt auch heute eine wichtige Aufgabe, sich menschenfeindlichen Ideologien zu widersetzen.     

Lehre.

Die Gedenktafel für die neun sowjetischen Zwangsarbeiter an der Grabanlage auf dem Friedhof wurde im Juni erneuert. Die Kosten für die Restaurierung der Tafel hat der Ortsbürgermeister übernommen. Die evangelische Kirchengemeinde hatte die Anbringung der Tafel im Herbst 1989 initiiert. Nach über 30 Jahren war der Schriftzug auf der Tafel fast verblichen.

Vorausgegangen war eine Anfrage von Uwe Otte im Januar 2020 zu den Plänen des Ortsrates anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Lehre im April 2020. Darin enthalten war die Anregung, die Gedenktafel zu erneuern. Erfreulich: Ortsbürgermeister Heinrich Köther griff die Idee auf und sagte die Aufarbeitung für 2021 zu. Und so geschah es. Damit ist ein wesentlicher Baustein der Erinnerungskultur in Lehre wieder in einem guten Zustand.

So problemlos gestaltete sich der Umgang mit Lehres NS-Vergangenheit nicht immer. Bis 1989 war die Grabanlage in einem eher kümmerlichen Zustand und eine Gedenktafel für die sowjetischen Zwangsarbeiter gab es nicht. Dann ergriff die evangelische Kirchengemeinde mit Pfarrer Martin Labuhn die Initiative und erneuerte die gesamte Grabanlage.

Der Evangelische Pressedienst (epd) berichtete im Oktober 1989 unter der Überschrift „Gedenktafel erinnert an Tod russischer Kriegsgefangener in Lehre“ über diesen wichtigen Schritt gegen das Vergessen: „An die Opfer der Zwangsarbeit in der Heeresmunitionsanstalt (Muna) Lehre bei Braunschweig erinnert jetzt eine Gedenktafel. Sie wurde auf Initiative der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in der vorigen Woche auf dem Friedhof in Lehre angebracht, wo sieben sowjetische Kriegsgefangene und zwei sowjetische Zivilarbeiter begraben liegen. ‚Ihr Tod ist uns Mahnung. Sie starben in den Jahren 1942 – 1945 im Arbeitslager der Muna Lehre‘, lautet die Inschrift. In dem 1941 errichteten Arbeitslager östlich der Ortschaft waren etwa 250 Russen in Baracken untergebracht (Anmerkung: Inzwischen ist bekannt, dass dort bis zu 400 russische Kriegsgefangene untergebracht waren). Nach Augenzeugenberichten wurden mindestens drei von ihnen bei Fluchtversuchen erschossen.

Er begrüße es sehr, daß sich die Kirchengemeinde für die Anbringung der Tafel eingesetzt habe, sagte Lehres Ratsherr Uwe Otte am Montag (16. Oktober) gegenüber dem Evangelischen Pressedienst, zumal dies ‚trotz vorhandener Widerstände im Ort‘ erfolgt sei. ‚Beschämend‘ sei es, daß sich Orts- und Gemeinderat der Vergangenheit nicht hätten stellen wollen, meinte Otte, der die grün-alternative Wählergemeinschaft ‚Basisgruppe Leben‘ im Gemeinderat vertritt. Otte hatte Ende 1983 im Ortsrat und zuletzt Anfang 1988 im Gemeinderat eine Gedenktafel oder einen Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus in Lehre beantragt. Dies war jedoch beide Male von den Kommunalpolitikern der anderen Parteien abgelehnt worden.“

Die Vorgeschichte: Der Grabstein mit den Namen der russischen Männer war noch im Jahr 1945 errichtet worden. Ein sowjetischer Offizier, der als Kriegsgefangener in der Muna war und anschließend bei der sowjetischen Militärmission in Braunschweig tätig war, kam nach Lehre und verlangte, die Grabanlage in einen würdigen Zustand zu versetzen. Der Grabstein blieb bis 1989 unverändert. Und die sowjetischen Kriegsgefangenen in der Muna im Kampstüh blieben viele Jahre gesichtslos und zum Teil auch namenlos. Im Jahr 2011 kam es dann zur Übersendung der ersten fünf Personalkarten von Kriegsgefangenen durch die Botschaft der Russischen Föderation in Berlin. Dabei wurde deutlich, dass ihre Namen zum Teil in falscher Schreibweise auf dem Grabstein genannt werden. Inzwischen liegen die Personalkarten von insgesamt 19 sowjetischen Kriegsgefangenen, die die Zwangsarbeit in der Muna nicht überlebt haben, vor.

Bei einem Pressetermin auf dem Friedhof wurde der Vorschlag geäußert, eine Informationstafel an der Grabanlage für die sowjetischen Zwangsarbeiter aufzustellen. Das wäre ein weiterer Baustein in der örtlichen Erinnerungskultur.

Lehre. „Ca. 4 t Munitionsteile“ hat ein Kampfmittelbergungsunternehmen auf einem Drittel der Fläche des ehemaligen Sprengplatzes der Heeresmunitionsanstalt (Muna) Lehre im Kampstüh geborgen. Die Suche auf der „Neuen Wiese“ fand im Oktober und November des vergangenen Jahres statt und bildete den ersten Abschnitt zur Entmunitionierung der etwa drei Hektar großen Fläche. Eine detaillierte Bilanz der Räumung werde nach Aussage der Niedersächsischen Landesforsten nach Abschluss der Arbeiten veröffentlicht. Das erfuhr der ehemalige Ratsherr Uwe Otte, der eine Anfrage zum Stand der Munitionsräumung an die Gemeinde Lehre gerichtet hatte. Die Kommune hatte die Anfrage an die Landesforsten, die Eigentümerin der Fläche, weitergeleitet. Die BL setzt sich seit 1986 für die Räumung der Rüstungsaltlasten in der ehemaligen Muna Lehre ein.

„Kampfstoffe wurden nicht festgestellt“, teilte Michael Lücke von den Niedersächsischen Landesforsten außerdem mit, wies aber darauf hin, dass sich dieses Ergebnis „mit Fortschritt der Arbeiten Richtung Norden in 2021 und 2022 ändern kann“. Und: Maßgebliche Munitionsfunde seien auch abseits der Sprengtrichter gemacht worden. Durch die Räumaktion im Herbst 2020 entstanden Kosten in Höhe von „ca. 330.000,- €“, die vom Bund getragen werden.  

Bei den vor der Räumung erfolgten Untersuchungen des Bodens und des Grundwassers auf mögliche Schadstoffbelastungen durch die Sprengstoffe seien „erfreulicherweise keine bedenklichen Werte“ ermittelt worden, betonten die Landesforsten. Das ist ermutigend, aber es bleibt abzuwarten, ob und welche Schadstoffbelastungen bei der weiteren Räumung festgestellt werden. Die beiden noch anstehenden Räumabschnitte sollen in diesem und im nächsten Jahr erfolgen. Der jeweilige Beginn werde „durch Naturschutzaspekte bestimmt“.

Die britischen Truppen hatten von 1945 bis Anfang 1951 auf der „Neuen Wiese“ immer wieder Munition gesprengt, die sie in der Muna gefunden hatten. Von den 26 durch die Sprengungen entstandenen Trichtern, die möglicherweise mit alter Munition gefüllt sind, hatte das Land Niedersachsen einen im Jahr 1990 räumen lassen, um Detailkenntnisse zu gewinnen. Dabei wurden unter anderem drei Blitzlichtbomben, 62 Spreng- und Panzergranaten, 316 Zünder, 80 kg Anzündmittel, 170 kg Infanteriemunition sowie 1,5 Tonnen Splitter, Wurfstücke und Munitionsteile gefunden. Seitdem ging die Räumung nicht weiter – zunächst fehlte lange das Geld, dann mussten naturschutzrechtliche Probleme gelöst werden. Abschließend bleibt festzustellen: Es ist erfreulich, dass 75 Jahre nach der Befreiung die Beseitigung dieser gefährlichen Altlasten endlich begonnen hat.

Lehre. Truppen des 8. US-Infanterieregiments befreiten am 11. April vor 76 Jahren Lehre von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Sie rückten erst am nächsten Tag in die Muna ein, die im Zweiten Weltkrieg in die NS-Rüstungsproduktion eingebunden war. Auch in Lehre wurden sowjetische Kriegsgefangene zu Tode geschunden.

In Lehre herrschte am 11. April 1945 ein aufgeregtes Treiben, berichteten Zeitzeugen, die Uwe Otte befragt hat. Der ehemalige Ratsherr befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der örtlichen NS-Geschichte. An diesem 11. April wurde von Otto Lüer um 7 Uhr mit den Kirchenglocken Panzeralarm ausgelöst. Ein Schuhlager in der Schule wurde geplündert. Zu Plünderungen kam es auch in der Muna, dorthin hatten Firmen ihre Waren ausgelagert. Die Nazi-Führer waren nicht mehr zu sehen. Aus vielen Fenstern hingen weiße Bettlaken.

Die amerikanischen Truppen näherten sich am Wald von Brunsrode her. Sie gaben einige Warnschüsse aus einer Kanone und drei Feuerstöße aus einem Maschinengewehr ab und marschierten gegen Abend in Lehre ein. Den Ort, in dem die NSDAP bereits 1928 die stärkste Partei gewesen war, übergaben zwischen 17 und 18 Uhr zwei mutige Männer mit einer weißen Fahne: der schwer kriegsverletzte Hermann Bumcke und der Landwirt Wilhelm Koch. Der US-Hauptmann, auf den sie trafen, erkundigte sich nach Bumckes Kriegsverletzung und wollte erfahren, warum der Bürgermeister nicht zur Übergabe erschienen sei.  

Auch einige französische Kriegsgefangene gingen den US-Soldaten mit der Trikolore entgegen. Charles Lemaire hatte die Fahne am Morgen des 11. April aus Stoffresten gefertigt. „Ich war sehr stolz auf mein Werk“, schrieb er später an Otte. Die französischen Männer trafen am frühen Abend am Ortseingang auf das amerikanische Vorauskommando.

Erst am nächsten Tag, am 12. April 1945, erreichten zwei amerikanische Panzer das Muna-Gelände im Kampstüh. Sie richteten ihre Kanonen auf die Muna-Einfahrt und besetzten die Rüstungsfabrik kampflos. Alle Bewohner mussten vor dem Wachgebäude antreten und die Anordnungen der Amerikaner entgegennehmen. Unter anderem dufte das Muna-Gelände nicht mehr betreten werden. Die Übergabe verzögerte sich, weil die Amerikaner kein Deutsch sprachen und einen Übersetzer benötigten. In einem der Wohnhäuser richteten sie anschließend ihr Hauptquartier ein.

Damit hat Lehre zwei Daten, die den Tag der Befreiung markieren: den 11. April 1945 und den 12. April 1945. Der Rat der Gemeinde Lehre hatte im Herbst 1935 per Beschluss den Kampstüh mit der Muna eingemeindet.

Das Gedenken an den 11. April hat in Lehre bereits Tradition. Seit den 1990er Jahren fanden Treffen auf dem Friedhof an der Zwangsarbeiter-Grabstelle statt. Radtouren führten zu den Stätten, die an die NS-Zeit erinnern. 1985 und 1995 fanden besondere Gedenkandachten in der evangelischen Kirche statt. 1995 berichteten Zeitzeugen sehr ausführlich, wie sie die Befreiung Lehres erlebten.

Und auch in der jüngeren Vergangenheit erfolgten wichtige Schritte gegen das Vergessen: Seit 2015 werden die Muna-Rundgänge angeboten und seit Sommer 2016 erinnert eine Informationstafel an der Muna-Einfahrt an die Geschehnisse im Kampstüh während der NS-Zeit. 2018 und 2020 beschäftigte sich eine Ausstellung im Rathaus Lehre mit den Leiden der sowjetischen Kriegsgefangenen in der Muna Lehre. Und vor einem Jahr wehte zum 75. Jahrestag dieses bedeutenden Datums die US-Flagge vor dem Verwaltungsgebäude.