„Granaten aus dem Kampstüh“. Die 28 Seiten umfassende Broschüre über Rüstungsproduktion und NS-Zwangsarbeit in Lehre ist weiterhin gegen eine Kostenbeteiligung von 3 Euro ggf. plus Porto erhältlich.
Kontakt: Manfred Laube, Gleiwitzer Str. 12, 38165 Lehre
Tel. 05308 9378950

Vergessen

Wir danken heute dem scheidenden Bürgermeister und dem (Noch-) Ortsbürgermeister, dass im Protokoll der Sitzung des Ortsrates Lehre am 26. Mai 2016 die bescheidene Mitwirkung von uns an der Informationstafel „Mahnort Muna Lehre“ erwähnt wird. Gerne haben wir geholfen, den so genannten „Text“ von Herrn Knigge (Ortsheimatpfleger) zu „ergänzen“, wie es im Protokoll heißt. Der „Text“ hatte 79 Wörter.

Herr Knigge hat zwar null Einfluss auf die Formulierungen der Tafel gehabt. Allerdings war ursprünglich an einen Gedenkstein oder an eine steinerne Tafel gedacht worden. Unser eifriger Ortsbürgermeister hatte schon den Kostenvoranschlag eines Steinmetzes besorgt. Dem Ortsheimatpfleger wurde aufgegeben, die Formulierung zu liefern. Das Ergebnis war inhaltlich und grammatisch missglückt. Knigge mahnte „zum Gedenken der Opfer“, statt der Opfer zu gedenken.

Wir gehen inzwischen davon aus, dass der Ortsrat der festen Überzeugung ist, die Munatafel sei ein Erfolg seiner Bemühungen. Ratsherr Möllenberg hatte ja bereits in einer früheren Sitzung bekannt, dass er – trotz seiner protokollierten Gegenstimme im Kulturausschuss am 10. Mai 1985 – schon immer für eine Tafel an der Muna gewesen sei. Und auch Ratsherr Ehlers hatte darauf hingewiesen, dass wir die Tafel schon längst hätten haben können.

Viel Anerkennung verdient auch die in der Gemeinde fest verankerte Kultur des Vergessens, wie sie der Gemeindebürgermeister bei der Enthüllung der Tafel angesprochen hat. Ohne Archive kann man viel freier und positiver mit historischen Ereignissen umgehen. Und wir ergänzen, es spart Kraft und Zeit, wenn beispielsweise die Gemeinde auf ihrer Webseite über Wendhausen an der Würdigung eines korrupten Grafen festhält.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir natürlich, dass nichts unternommen wird, um das Protokoll der Ortsratssitzung zu korrigieren. Man kann sich ja schließlich denken, dass mit „Herr Schräbler“ Harald Schraepler von der Braunschweigischen Landschaft gemeint ist, der die Realisierung und Finanzierung der Tafel verantwortete. Eine Leistung, zu der Orts- und Gemeinderat 30 Jahre lang nicht fähig waren.

Wir sind weiter aktiv und gönnen uns keine Wahlkampfpause.
Deshalb folgender Brief an das

Niedersächsisches Ministerium
für Inneres und Sport
Postfach 221
30002 Hannover

Verletzung der Rechtsaufsicht durch den Landkreis Helmstedt
Ihr Schreiben vom 23.08.2016, Ihr Zeichen: 32.99 – 10132_154

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit rund zehn Monaten bemühen wir uns vergeblich um Erkenntnisse zum Aktenbestand der Gemeinde Lehre. Unter anderem fragen wir, wie das Niedersächsische Archivgesetz von der Kommune umgesetzt wird und wer die Verantwortung für die Vernichtung von Akten trägt.

Wir haben ein Schreiben des Ersten Kreisrates Hans Werner Schlichting erhalten (s. Anlage). Nach unserem Eindruck versucht der Landkreis Helmstedt, damit von einem fortdauernden Rechtsbruch und seiner Verantwortung abzulenken. Herr Schlichting geht auf keine einzige unserer Fragen ein. Das Archivgesetz wird im Schreiben des Landkreises Helmstedt nicht einmal erwähnt.

Der Versuch des Ersten Kreisrates, die kritischen Fragen zum Umgang mit schützenswertem Archivgut als individuelles Interesse abzutun, ist nicht nachvollziehbar. Es geht hier darum, einem Landesgesetz Geltung zu verschaffen, also um eine Rechtmäßigkeitskontrolle. Die Ablage und Aufbewahrung von Unterlagen einschließlich der Erstellung eines Aktenplanes sind nach unserer Kenntnis außerdem Bestandteil ordnungsgemäßer Verwaltung.

Der Erste Kreisrat verweigert mit seinem Schreiben die Rechtsaufsicht. Er verkennt völlig, dass die kommunale Selbstverwaltung mit ihren Hoheitsrechten in ein demokratisches Rechtssystem eingebunden ist. Das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz, auf das sich Herr Schlichting sogar bezieht, stellt bereits im Paragrafen 1 die kommunale Selbstverwaltung in den Rahmen des geltenden Rechts.

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Herr Schlichting schreibt: „Die Kommunen entscheiden danach eigenständig über den Umgang mit ihren eigenen Unterlagen im Rahmen ihrer Organisationshoheit.“ Es fehlt bei Herrn Schlichting der Zusatz: „…und im Rahmen des geltenden Rechts“. Im Übrigen wollen wir von der Gemeinde Lehre ja gerade darüber informiert werden, welche Entscheidungen
sie – im Rahmen ihrer Organisationshoheit – über die Archivierung und den Zugang zu ihren Unterlagen getroffen hat.

Wir haben darauf verzichtet, dem Landkreis Helmstedt direkt zu antworten, da uns dieser Schritt als sinnlos erscheint. Vom Innenministerium würden wir gerne erfahren, welche unserer Fragen aus welchem Grund nicht beantwortet werden können oder dürfen. Ansonsten erwarten wir einen Hinweis darauf, wer in welchem Zeitabstand antwortet.

Hier noch einmal ein Ausschnitt aus unserem Schreiben vom Oktober 2015 an Herrn Bürgermeister Klaus Westphal:

„Wir haben daher inzwischen gewisse Zweifel, ob die Gemeinde Lehre bei ihrem Umgang mit Akten den Anforderungen des Niedersächsischen Archivgesetzes genügt. Wir bitten Sie deshalb um eine Stellungnahme, ob und in welcher Form das Archivgesetz in Lehre angewandt wird oder werden soll.

Darüber hinaus haben wir folgende Fragen:
1. Nach welchen Kriterien und für welchen Zeitraum werden Verwaltungsakten der Gemeinde Lehre aufbewahrt?
2. Für wen sind diese Akten zugänglich?
3. Wer entscheidet aufgrund welcher Kriterien über eine eventuelle Vernichtung von Akten?
4. Wer war in der Vergangenheit für die Vernichtung von Akten verantwortlich?
5. Welche Jahrgänge der Ratsprotokolle sind vollständig vorhanden?
6. Welche Unterlagen sind in der Vergangenheit an das Niedersächsische Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel oder gegebenenfalls an andere Archive (welche?) abgegeben worden?“

Für Ihre Bemühungen bedanken wir uns.

An den
Herrn Bundesminister für Wirtschaft und Energie
Sigmar Gabriel MdB
Scharnhorststraße 34 – 37
10115 Berlin

haben wir folgenden Brief gerichtet. Mal sehen, ob Siggi reagiert:

Waffenlieferungen an Saudi-Arabien
Ihr Schreiben vom 9. August 2016

Sehr geehrter Herr Minister Gabriel,

Ihr Schreiben vom 9. August 2016 zu Waffenlieferungen an Saudi-Arabien bedarf des Widerspruchs.

Kriegsverhütung und Wahrung der Menschenrechte müssen vorrangiges Ziel bleiben. Wenn ich das ernst nehme, darf ich keine Waffenlieferungen an ein Land wie Saudi-Arabien ermöglichen.

Mit einem klaren Nein könnten Sie der Bundesrepublik die, wie es in Ihrem Brief heißt, „besonders kritisch(e)“ Lage ersparen, Entscheidungen „in dem schwierigen Spannungsfeld“ treffen zu müssen. Für mich bedeutet „verantwortungsvolle Rüstungspolitik“: Im Zweifelsfall keine Exporte.

Auch an einem ganz anderen Beispiel ist ein Verlust sozialdemokratischer Tugenden zu beklagen. In „Ihrem“ SPD-Bezirk Braunschweig stoßen Bemühungen, an den von den Nazis verfolgten späteren Bürgermeister und ersten frei gewählten Landrat des Kreises Braunschweig-Land Friedrich („Fritz“) Brandes aus Wendhausen zu erinnern, bislang auf keinerlei Interesse. Zur Information legen wir Ihnen unsere Pressemitteilung bei.

Mit freundlichen Grüßen

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Braunschweigische Landschaft stellt Erinnerungstafel an der Muna auf –

erste Antragstellung erfolgte vor 33 Jahren

Der 22. August 2016 ist ein bedeutender Tag in der jüngeren Geschichte von Lehre: Mit der Aufstellung der Erinnerungstafel „Mahnort Muna Lehre“ wird 71 Jahre nach Kriegsende und fast 33 Jahre nach der ersten Antragstellung an die Rüstungsproduktion und die Zwangsarbeit in der Heeresmunitionsanstalt Lehre erinnert. Der Braunschweigischen Landschaft ist für ihr Engagement bei der Erstellung und Finanzierung dieser Tafel ganz besonders zu danken. Orts- und Gemeinderat haben in dieser Frage politisch versagt und es (bislang) nicht geschafft, eine Erinnerungskultur an die NS-Verbrechen aufzubauen.

Am 15. Dezember 1983 steht der Antrag des Ratsherrn Uwe Otte auf „Anbringung einer Gedenktafel an der Einfahrt zur ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Lehre für die Opfer des Nationalsozialismus in Lehre“ im Gemeinderat auf der Tagesordnung. In einem Bericht der Braunschweiger Zeitung vom 17.12.1983 heißt es: „Mit Unterstützung der Fraktionen SPD und FDP beschloss der Gemeinderat, den Antrag der Basisgruppe Leben über die Anbringung einer Gedenktafel an der Einfahrt zur ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Lehre für die Opfer des Nationalsozialismus in Lehre dem Ortsrat zur Beratung und Entscheidung nach den Bestimmungen der Hauptsatzung der Gemeinde zu überweisen. Zugleich soll der Antrag noch dem Jugend-, Sport- und Kulturausschuss zur Beratung vorgelegt werden.“

Im Ortsrat wird er jedoch nie auf die Tagesordnung gelangen. Auf die Frage nach den Gründen für dieses Nichthandeln bescheinigt der damalige CDU-Ortsbürgermeister Bruno Wiegmann dem BL-Ratsherrn in einer Ortsratssitzung im September 1984 „einen Hang zur Andersartigkeit“.

Im Februar 1985 äußerte sich die Vorsitzende des Jugend-, Sport- und Kulturausschusses, Ingeborg Winkler, zur Anbringung einer Gedenktafel. Die CDU-Frau sagte: „Der Antrag ist nicht so dringlich für die Bürger. Es gibt wichtigere Punkte“. Im März 1985 stand der Antrag für eine Gedenktafel für die Opfer der NS-Diktatur in Lehre dann auf der Tagesordnung des Verwaltungsausschusses. Der Antrag wurde abgelehnt.

Im Mai 1985 beschäftigt sich der Jugend-, Sport- und Kulturausschuss nun mit dem Antrag vom 15.12.1983. Der Ausschuss beschloss die Ablehnung des Antrages und meinte, bei der Grabanlage für die sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof in Lehre handele es sich um eine „Gedenkstätte in würdiger Form“.

Auch im Juni 1988 lehnt der Gemeinderat einen entsprechenden Antrag der BL ab. Genauso ergeht es unserem Antrag zur „Einrichtung eines Forschungsprojekts zur Geschichte der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt Lehre“ im Dezember 1989.

Im Oktober 1989 wird auf Initiative der evangelischen Kirchengemeinde Lehre auf dem Friedhof eine Gedenktafel am Grab der russischen Zwangsarbeiter angebracht. Sie trägt die Inschrift: „Ihr Tod ist uns Mahnung. Sie starben in den Jahren 1942 – 1945 im Arbeitslager der Muna Lehre“. Der Ortsrat Lehre lehnte es ab, sich an den Kosten zu beteiligen.

Uwe Otte schickte im Dezember 2013 – nun ohne Mandat und Antragsrecht – seinen Antrag vom Dezember 1983 erneut ins Rathaus. Er kam auf die Tagesordnung der Sitzung des Ortsrates am 13. Mai 2014. Einstimmig beschloss das Gremium, den Antrag zurückzustellen und damit zunächst den örtlichen Kulturverein und den Ortsheimatpfleger zu befassen. Unglaublich: Die entsprechenden Ratsunterlagen aus dem Jahr 1983 waren im Rathaus nicht mehr auffindbar.

Die nächste Ortsratssitzung war dann fast fünf Monate später, am 6. Oktober 2014. Sechs der zehn Mitglieder waren anwesend. Sie erklärten weitgehend übereinstimmend, dass sie sich durch den Antrag unter Druck gesetzt fühlten. Dennoch sprach sich der Ortsrat an diesem Tag grundsätzlich für eine Gedenktafel an der Muna aus (5 Ja- und 1 Nein-Stimme).

Ein Finanzierungskonzept lag nicht vor, Prioritäten wurden nicht geändert. In der gleichen Sitzung wurde einstimmig ein Zuschuss für das Schützenfest in Höhe von 600 Euro beschlossen.

In der nächsten Ortsratssitzung am 4. Dezember 2014 wurden gleich mehrere Vereine mit Zuschüssen bedacht, nicht zuletzt der Karnevalsverein. Der Punkt „Mahntafel“ wurde auf Antrag des stellvertretenden SPD-Ortsbürgermeisters Ehlers verschoben, weil noch über das Konzept beraten werden müsse. Gegenüber der Lokalpresse bezeichnete der SPD-Ortsbürgermeister Krüger die Kosten der Gedenktafel als zu hoch für den Ortsrat. Und der Gemeindebürgermeister meinte, ihm fehle eine „Kassenstelle“.

2015 tagte der Ortsrat erst einmal nicht. Nach mehr als halbjähriger Pause wurde er am 29. Juni einberufen. Auf Initiative der Bürgerinnen und Bürger waren inzwischen 400 Euro an Spenden für eine Tafel zusammengekommen.

Das Protokoll der Ortsratssitzung vermerkt dann den entscheidenden Durchbruch: „Herr Westphal teilt mit, dass er in Kooperation mit Herrn Laube bei der Braunschweigischen Landschaft angefragt hat, ob diese nicht das Mahnschild erarbeiten und aufstellen können.“

Konkret: Die Idee stammte von Manfred Laube, der Bürgermeister hat sie dann unterstützt.

Später stimmten dann die Gremien der Braunschweigischen Landschaft zu, das notwendige Geld für eine Erinnerungstafel in den Haushalt für das Jahr 2016 einzustellen. Im Frühjahr 2016 konnte die inhaltliche Gestaltung der Tafel beginnen. Am Text waren Dr. Jens Binner (Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten), Manfred Laube und Uwe Otte beteiligt. Die aktuellen Muna-Fotos hat Jens Dürkopf bereitgestellt. Besucher können sich nun an der Einfahrt zur Muna über die Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit im Kampstüh informieren. Endlich.

 

 

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Einer der „fähigsten Köpfe“ – Fritz Brandes wurde vor 70 Jahren erster Landrat – Lehre braucht Erinnerungskultur

Die Gemeinde Lehre muss endlich ihre NS-Geschichte aufarbeiten. „Wir brauchen ein Gesamtkonzept der Erinnerungsarbeit einschließlich eines Postens im Gemeindehaushalt“, betont Lehres ehemaliger Ratsherr Uwe Otte.

Anlässlich der bevorstehenden Kommunalwahlen am 11. September erinnert Otte an die ersten freien Wahlen nach der NS-Diktatur im September 1946. Damals sei der Sozialdemokrat Fritz (Friedrich) Brandes aus Wendhausen in den Gemeinderat und den Kreistag des damaligen Landkreises Braunschweig gewählt worden. Der Kreistag wählte den im Frühjahr 1933 von den Nazis in sogenannter „Schutzhaft“ misshandelten Sozialdemokraten dann zum Landrat.

Otte bedauert, dass bislang in Lehre kaum jemand an Fritz Brandes, der zugleich der erste Nachkriegsbürgermeister von Wendhausen war, erinnere. Es gebe weder eine Gedenktafel noch beispielsweise eine Straße, die nach ihm benannt sei. Der Ortsrat Wendhausen habe sogar im Jahr 2015 eine Straße in einem Neubaugebiet nach einem korrupten Adligen benannt. Dies zeige, dass der Kommunalpolitik offensichtlich jedes Gespür und Verständnis für eine angemessene Erinnerungskultur fehle.

Fritz Brandes war ein Mann mit klaren Standpunkten. „Wenn die Nazis an die Macht kommen, dann gibt es Krieg“, war der Sozialdemokrat schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten überzeugt.

Fritz Brandes wurde am 8. Oktober 1895 in Wendhausen geboren. Nach dem Besuch der Volksschule lernte er Tischler und war später als Viehhändler tätig. Mit Kriegsbeginn 1914 meldete er sich freiwillig als Soldat. Geprägt durch die Schrecken und Erfahrungen des 1. Weltkrieges trat er in die SPD ein. In seiner politischen Grundüberzeugung wurde Brandes von seiner Familie unterstützt. Er wollte nicht akzeptieren, dass viele Menschen gar nichts besaßen und andere im Überfluss schwelgten. In seiner Freizeit traf er sich gern mit Freunden zum Karten spielen.

Brandes war seit 1929 Mitglied im Kreistag gewesen. Am 30. März 1933 verhaftete ihn ein örtliches SA-Kommando in seinem Haus und brachte ihn in das „Volksfreund“-Gebäude nach Braunschweig. Dort wurde er wie so viele andere auf brutale Art von den Nazi-Schlägern misshandelt. „Wenn Adolf an die Macht kommt, haben alle Spatzen ein Gewehr“, diese sarkastischen Worte waren dann der Anlass für seine Verhaftung. Fritz Brandes wurde wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ bis zum 18. April 1933 in „Schutzhaft“ festgehalten. Als Folge der schweren Misshandlungen durch die Nazis legte Brandes sein Kreistagsmandat „freiwillig“ nieder. So hatten es die Nazis zynisch in einer vorgefertigten Erklärung formuliert, die Brandes unterschreiben musste. Doch die Nazis misstrauten ihm auch weiterhin und überwachten ihn für mehrere Jahre.

Nach der Befreiung Wendhausens durch amerikanische Truppen am 11. April 1945 wurde Brandes als Bürgermeister eingesetzt. Außerdem wurde er zum Landrat ernannt. Eine seiner Hauptaufgaben war die Unterbringung der zahlreichen Flüchtlinge. Seine demokratischen Ämter konnte Fritz Brandes nur kurze Zeit ausüben: am 13. Dezember 1946 verstarb er. Die „Braunschweiger Zeitung“ schrieb anlässlich seines Todes: „Damit verliert Braunschweig und die Sozialdemokratische Partei einen ihrer fähigsten Köpfe. Sein Leben war Arbeit und Kampf.“ Seine (inzwischen verstorbene) Tochter charakterisierte ihn so: „Er war ein sehr streitbarer politischer Mensch. Er konnte gut mit Menschen umgehen und der Beruf eines Händlers lag ihm“.

Qualen .der Kommunalwahl

Am 11. September haben die Wählerinnen und Wähler die Qual der Kommunalwahl, aber in der Gemeinde Lehre nicht immer die Auswahl. Den Parteien fehlen Kandidaten. Für das Bürgermeister-Amt tritt als einziger der parteilose und bisher programmlose Andreas Busch an.

Im Ortsrat Essenrode bewirbt sich nur noch eine parteienübergreifende Liste. Zu vergeben sind sieben Sitze, für die es acht Kandidaten gibt. Der Ortsrat Klein Brunsrode hat fünf Sitze und sechs Kandidaten. In Wendhausen stehen für sieben Sitze neun Kandidaten zur Wahl, darunter eine Kommualpolitikerin aus der SPD.

Die SPD hat im übrigen nur noch in den Ortsräten Lehre, Essehof, Flechtorf und Beienrode genügend Kandidaten, um eine Mehrheit der Mandate wahrnehmen zu können, falls die Stimmen dafür reichen sollten.

Info-Tafel zu Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion steht ab 22. August

Eckart Spoo berichtete am 19. August 1988 in der „Frankfurter Rundschau“: „Einen ‚Hang zur Andersartigkeit‘ hat Bürgermeister Bruno Wiegmann (CDU) in Lehre bei Braunschweig dem jungen Ratsherrn Uwe Otte bescheinigt, der beantragt hatte, mit einer Gedenktafel auf dem Gelände der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt (Muna) an die Kriegsgefangenen und die sowjetischen Fremdarbeiter zu erinnern, die dort Tellerminen und Munition aller Kaliber hatten herstellen müssen. Wiegmann: ‚Wir wollen nicht immer in den Schuldgefühlen der deutschen Mitbürger herumwühlen. Wir sollten unsere Schuldgefühle vergessen.‘ Die Tafel wurde nicht angebracht.“

Und nun kommt sie doch! Sie soll am 22. August um 17 Uhr vorgestellt werden. Mehr als 30 Jahre hat es seit der ersten Antragstellung gedauert. Der Verein Braunschweigische Landschaft hat die Tafel „Mahnort Muna Lehre“  zu einem seiner Projekte für das Jahr 2016 gemacht. Die Idee dazu hatte Manfred Laube. Zuvor hatte sich der Ortsrat Lehre zum ersten Mal grundsätzlich für eine Gedenktafel an der Stelle ausgesprochen. Die Ortsratsmittel schienem jedoch knapp zu werrden, weil zum Beispiel Schützen und Karnevalisten Zuschüsse für ihr reges Vereinsleben beanspruchten. Und die Gemeindeverwaltung fand im Haushaltsplan keine passende „Kostenstelle“.

Die Bürgerinnen und Bürger zeigten dagegen starkes Interesse an den Informationen über die NS-Zeit in Lehre. 2015 und 2016 kamen jeweils mehr als 200 Teilnehmer zu einem Rundgang zu den noch erhaltenen Gebäuden in dem Waldgelände. Sie hatten viele Fragen. Bei den Älteren wurden Erinnerungen wach… Die Rundgänge fanden jeweils zum Jahrestag der Befreiung der Muna am 12. April statt. Sie wurden zu kleinen Demonstrationen wider das Vergessen.

Unser Gemeindeblättchen „Lehrscher Bote“ hatte die gute Idee, eine Serie über „Leute von nebenan“ zu starten.  Das Ergebnis dieses Versuchs haben wir in dem folgenden Leserbrief kommentiert. Dieses Beispiel zeigt, dass auch bei solchen Themen aus Nachbarschaft und Alltag ein gewisses Maß an Recherche bzw. kommunaler Geschichts- und Politikkenntnis hilfreich ist.

 

Vielen Dank für die neue Serie „Leute von nebenan“. Als Ortsheimatpfleger hat als Erster Wilhelm Knigge in Lehre unsere Aufmerksamkeit verdient. Knigge sei „so etwas wie das Gehirn von Lehre“, schreibt der Reporter, dem es viel Freude bereitet haben dürfte, den Dachboden durchstöbert zu haben.

Vor plumpen Wortspielen mit historisch belasteten Begriffen wie „Führer“ (Museumsführer) muss jedoch eindringlich gewarnt werden. Dem Dorfmuseum fehlt kein Führer, sondern ein nachvollziehbares Konzept. Die Gemeinde Lehre zahlt dem Ortsheimatpfleger als Eigentümer der musealen Dachkammer jährlich 2.500 Euro Miete. Davon spendete zuletzt der Kulturverein 1.000 Euro. Das Dorfmuseum ist an zwölf Sonntagen im Jahr für jeweils eine Stunde geöffnet.

Die Publikation „1000 Jahre Dorfgeschichte“, die als Leistung des Heimatpflegers dargestellt wird, gehört in eine lange Reihe politischer Blamagen beim Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus. Selbst der Ortsbürgermeister von Lehre kam im Januar 2003 in einem Schreiben an die Basisgruppe Lehre (BL) zu folgender Einschätzung: „Nach den unglücklichen Formulierungen über die NAZI-Zeit in der 1. Chronik von Herrn Gottschalk hätte Herr Knigge die Chance gehabt, ein Meisterwerk zu vollbringen. Leider hat er diese Chance nicht genutzt.“ Folgerichtig beschloss der Ortsrat im Februar 2003 auf den Ankauf von 50 dieser Broschüren zu verzichten.

Die Muna Lehre, die Wilhelm Knigge in seinem Buch als „wirtschaftliche Veränderung“ abtut, wird in diesem Sommer endlich eine Erinnerungstafel an die Rüstungsproduktion und die Zwangsarbeit erhalten. Das geschieht fast 33 Jahre nach der ersten Antragstellung durch die BL im Dezember 1983 im Gemeinderat. Wenn Herr Knigge sagt, das Museum „ist das Gedächtnis der Ortschaft Lehre“, dann irrt er. Wesentlich bedeutender ist die Muna als Erinnerungs- und (Ge)Denkort an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und an die Verbrechen, die dort während des Krieges geschehen sind. Die Dachkammer von Herrn Knigge ist viel zu klein, um die Dorfgeschichte abzubilden. Die Heimatpflege muss runter vom Sofa.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

Nach Tschernobyl kein Strahlenmessgerät – Wie der Gemeinderat Lehre nicht auf die Reaktorkatastrophe reagierte

Auch Lehres Gemeinderat kam dank eines Antrages der BL am Super-Gau von Tschernobyl nicht vorbei. Im „Lehrscher Boten“ vom Oktober 1987 schilderten wir, wie die Gemeinde Lehre auf bekannte Weise mit dem Problem umging: „(…) Die Wochen danach waren von Konfusion und Verwirrung der Verantwortlichen gekennzeichnet; auf eine solche Katastrophe war niemand vorbereitet gewesen. Und auch 18 Monate nach dem Unglück sind die Folgen in Form von Radioaktivität in manchen Lebensmitteln zu spüren.

So kam es zum Antrag der Basisgruppe, ein Strahlenmessgerät für Lehre zu beschaffen, um Vorort schnell und selbständig tätig werden zu können. Der Antrag wurde seinerzeit in die Ausschüsse überwiesen.

Jetzt liegt eine endgültige Stellungnahme vor. Dabei wird darauf verwiesen, dass die PTB in Braunschweig im Bedarfsfall Werte ermitteln könne, die auch für Lehre Gültigkeit besäßen. Aufgrund der räumlichen Entfernung sei der Raum Lehre/Braunschweig als Einheit anzusehen. Für die gezielte Überwachung von Lebensmitteln, Wasser, Boden, Bewuchs, Fahrzeuge u. ä. könne der ABC-Zug des Landkreises Helmstedt herangezogen werden, der mit den notwendigen Geräten ausgerüstet sei. Außerdem sei keine Gemeinde der Größenordnung von Lehre bekannt, die Strahlenmessgeräte beschafft habe oder deren Beschaffung z. Zt. plane. Fazit: Wieder eine verpasste Chance der Gemeinde richtungsweisend zu wirken.“

Unser Antrag wurde damals im Rat mit 1:23 Stimmen abgelehnt. Die Lehre aus Tschernobyl und Fukushima kann nur lauten: Atomausstieg und Energiewende. Und: Kein Atommüll in Schacht Konrad.