Lehre. Truppen des 8. US-Infanterieregiments befreiten am 11. April vor 76 Jahren Lehre von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Sie rückten erst am nächsten Tag in die Muna ein, die im Zweiten Weltkrieg in die NS-Rüstungsproduktion eingebunden war. Auch in Lehre wurden sowjetische Kriegsgefangene zu Tode geschunden.

In Lehre herrschte am 11. April 1945 ein aufgeregtes Treiben, berichteten Zeitzeugen, die Uwe Otte befragt hat. Der ehemalige Ratsherr befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der örtlichen NS-Geschichte. An diesem 11. April wurde von Otto Lüer um 7 Uhr mit den Kirchenglocken Panzeralarm ausgelöst. Ein Schuhlager in der Schule wurde geplündert. Zu Plünderungen kam es auch in der Muna, dorthin hatten Firmen ihre Waren ausgelagert. Die Nazi-Führer waren nicht mehr zu sehen. Aus vielen Fenstern hingen weiße Bettlaken.

Die amerikanischen Truppen näherten sich am Wald von Brunsrode her. Sie gaben einige Warnschüsse aus einer Kanone und drei Feuerstöße aus einem Maschinengewehr ab und marschierten gegen Abend in Lehre ein. Den Ort, in dem die NSDAP bereits 1928 die stärkste Partei gewesen war, übergaben zwischen 17 und 18 Uhr zwei mutige Männer mit einer weißen Fahne: der schwer kriegsverletzte Hermann Bumcke und der Landwirt Wilhelm Koch. Der US-Hauptmann, auf den sie trafen, erkundigte sich nach Bumckes Kriegsverletzung und wollte erfahren, warum der Bürgermeister nicht zur Übergabe erschienen sei.  

Auch einige französische Kriegsgefangene gingen den US-Soldaten mit der Trikolore entgegen. Charles Lemaire hatte die Fahne am Morgen des 11. April aus Stoffresten gefertigt. „Ich war sehr stolz auf mein Werk“, schrieb er später an Otte. Die französischen Männer trafen am frühen Abend am Ortseingang auf das amerikanische Vorauskommando.

Erst am nächsten Tag, am 12. April 1945, erreichten zwei amerikanische Panzer das Muna-Gelände im Kampstüh. Sie richteten ihre Kanonen auf die Muna-Einfahrt und besetzten die Rüstungsfabrik kampflos. Alle Bewohner mussten vor dem Wachgebäude antreten und die Anordnungen der Amerikaner entgegennehmen. Unter anderem dufte das Muna-Gelände nicht mehr betreten werden. Die Übergabe verzögerte sich, weil die Amerikaner kein Deutsch sprachen und einen Übersetzer benötigten. In einem der Wohnhäuser richteten sie anschließend ihr Hauptquartier ein.

Damit hat Lehre zwei Daten, die den Tag der Befreiung markieren: den 11. April 1945 und den 12. April 1945. Der Rat der Gemeinde Lehre hatte im Herbst 1935 per Beschluss den Kampstüh mit der Muna eingemeindet.

Das Gedenken an den 11. April hat in Lehre bereits Tradition. Seit den 1990er Jahren fanden Treffen auf dem Friedhof an der Zwangsarbeiter-Grabstelle statt. Radtouren führten zu den Stätten, die an die NS-Zeit erinnern. 1985 und 1995 fanden besondere Gedenkandachten in der evangelischen Kirche statt. 1995 berichteten Zeitzeugen sehr ausführlich, wie sie die Befreiung Lehres erlebten.

Und auch in der jüngeren Vergangenheit erfolgten wichtige Schritte gegen das Vergessen: Seit 2015 werden die Muna-Rundgänge angeboten und seit Sommer 2016 erinnert eine Informationstafel an der Muna-Einfahrt an die Geschehnisse im Kampstüh während der NS-Zeit. 2018 und 2020 beschäftigte sich eine Ausstellung im Rathaus Lehre mit den Leiden der sowjetischen Kriegsgefangenen in der Muna Lehre. Und vor einem Jahr wehte zum 75. Jahrestag dieses bedeutenden Datums die US-Flagge vor dem Verwaltungsgebäude.

An seinem 125. Geburtstag, dem 8. Oktober 2020, wurde für den ehemaligen Bürgermeister von Wendhausen und Landrat des ehemaligen Landkreises Braunschweig, Friedrich „Fritz“ Brandes, der von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, eine Gedenktafel aufgestellt. Anwesend waren bei der Ehrung dieses mutigen Sozialdemokraten unter anderem seine Enkelin Brigitte Bothe, sein Enkel Jörg Brandes, Lehres Gemeindebürgermeister Andreas Busch, der ehemalige Niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Glogowski (SPD), Anna Lamprecht vom Verein Braunschweigische Landschaft, der die Tafel finanziert hat, der stellvertretende Ortsbürgermeister Heinz-Gerhard Prenzel und der Initiator Uwe Otte.

Gerhard Glogowski wurde von der Lokalzeitung mit den Worten zitiert: „Friedrich Brandes war ein großartiger Mensch, er hat sein Leben für den Aufbau einer wehrhaften Demokratie aufs Spiel gesetzt.“ Bürgermeister Busch betonte, dass es „wichtig“ sei, „auch die positiven Beispiele aus dieser Zeit zu zeigen. Menschen eben, wie Friedrich Brandes einer war.“ 

Landrat-Brandes-Straße sollte in Lehre eingerichtet werden

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hubertus Heil hatte zur Aufstellung der Tafel ein Grußwort aus Berlin geschickt. Er nannte Fritz Brandes „ein(en) Mann, der unsere Region nachhaltig geprägt hat“. Er fügte hinzu, „dass wir stolz darauf sein können, einen weiteren wichtigen Ort der Erinnerung in unserer Heimat geschaffen zu haben.“

Uwe Otte verwies auf die aktuelle Bedeutung des politischen Handelns von Fritz Brandes. Der ehemalige Ratsherr der Gemeinde Lehre hat seit Jahren die Geschichte dieses mutigen Demokraten erforscht. Er regte als weiteren Schritt die Einrichtung einer Landrat-Brandes-Straße in der Gemeinde Lehre an, um eine zukunftsweisende Erinnerungskultur zu gestalten. Er war im Jahr 1995 bei einer Archivrecherche durch Zufall auf die „Schutzhaft“ von Fritz Brandes gestoßen. Ein erster Versuch zur Errichtung einer Gedenktafel scheiterte vor 10 Jahren an der Finanzierungsfrage. Seit November 2020 ist eine verkleinerte Kopie der Tafel für Fritz Brandes im Rathaus in Lehre zu sehen.

Grußwort von Hubertus Heil, MdB, zur Aufstellung einer Erinnerungstafel für Fritz Brandes am Donnerstag, den 8. Oktober 2020 in Wendhausen

Heute wäre Fritz Brandes 125 Jahre alt geworden. Fritz Brandes war ein Mann, der unsere Region nachhaltig geprägt hat und ich bin stolz, dass zu Ehren eines so besonderen Sozialdemokraten nun endlich auch eine Erinnerungstafel aufgestellt wird. Mit dieser Ehrentafel beweisen wir, dass wir eine der wichtigsten Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg verinnerlicht haben – niemals zu vergessen. Wir vergessen nicht, zu welchen Taten die Nationalsozialisten im Dritten Reich fähig waren, wir vergessen aber auch nicht, welche ehrenwerten Handlungen Menschen, wie Fritz Brandes, für die Gesellschaft und ihre Region vollbracht haben.

Eine Begebenheit möchte ich dabei näher beleuchten, weil Fritz Brandes‘ Handeln, auch 74 Jahre nach seinem Tod, uns noch immer als Vorbild dient: Nach Kriegsende wurde Brandes in Wendhausen wiederholt auf die Möglichkeit angesprochen, sich nun an den Nazis, die ihn misshandelt hatten, zu rächen. Er wies diese Möglichkeit jedoch zurück: „Ich will kein Blut an den Händen haben“, verneinte er.

Wir lernen von Fritz Brandes, dass es in der Politik um die Menschen geht, für die Politik gemacht wird. Es geht nicht darum, Vergeltung zu üben oder den Kontrahenten vorzuführen. Im Kern jedes politischen Handelns stehen die Bürgerinnen und Bürger. Auch im Jahr 2020 leitet uns dieser Vorsatz.

Der politische Eifer, den Fritz Brandes bis zum Ende seines Lebens einsetzte, ist ein Vorbild für die Menschen aus Wendhausen. Aus diesem Grund ist die Erinnerungstafel lange überfällig, denn der Einsatz für die Menschen aus seiner Region, den er trotz der heftigsten Widerstände nie aufgegeben hat, ist mehr als nobel und soll in unserer Heimat nicht vergessen werden.

Ich freue mich sehr, dass wir mit dieser Tafel einen Ort der Erinnerung schaffen, der immer wieder an uns selbst appelliert, dass es sich lohnt für die Zukunft zu kämpfen.

Ich bedanke mich bei dem Verein Braunschweigische Landschaft, der sich diesem Projekt angenommen und es umgesetzt hat.

Ich möchte mich auch bei Karen Wachendorf bedanken, die sich schon 2009 dafür einsetzte, einen Bericht über Fritz Brandes in der Zeitung der deutschen Sozialdemokratie „Vorwärts“ zu veröffentlichen und bei Uwe Otte, der die Geschichte von Fritz Brandes erforscht hat. Beide haben seitdem eine sichtbare Ehrung des ehemaligen Bürgermeisters und Landrats vorangetrieben, die heute endlich Wirklichkeit wird.

Und ganz herzlich möchte ich mich für den Einsatz und die Hilfsbereitschaft von Fritz Brandes‘ Enkeln, Urenkeln und seiner Familie bedanken. Vielen herzlichen Dank, Sie können stolz auf Ihren Großvater und Urgroßvater sein!

Fritz Brandes‘ Tochter hat im Vorwärts-Artikel im Jahr 2009 den Wunsch geäußert, die Erinnerung an ihn wach zu halten. Mit dieser Gedenktafel wird der Wunsch endlich erfüllt.

Leider kann ich am heutigen Tag nicht persönlich dabei sein, aber ich möchte zum Abschluss sagen, dass wir stolz darauf sein können, einen weiteren wichtigen Ort der Erinnerung in unserer Heimat geschaffen zu haben. Wir werden das Andenken von Fritz Brandes ehren und bewahren!     

US-Truppen befreien am 11. April vor 75 Jahren Lehre und am Tag danach die Muna – Hermann Bumcke und Wilhelm Koch übergeben den Ort kampflos

Lehre. Truppen des 8. US-Infanterieregiments befreiten am 11. April vor 75 Jahren Lehre von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Sie rückten erst am nächsten Tag in die Muna ein, die im Zweiten Weltkrieg in die NS-Rüstungsproduktion eingebunden war. Auch in Lehre wurden sowjetische Kriegsgefangene zu Tode geschunden. Jean Cantrau, französischer Kriegsgefangener in Lehre, resümierte später: „Der 11. April 1945 war für mich das Ende einer langen Tragödie. Die wiedergewonnene Freiheit ist etwas Unschätzbares“.

In Lehre herrschte am 11. April 1945 ein aufgeregtes Treiben, berichteten Zeitzeugen, die Uwe Otte befragt hat. Der ehemalige Ratsherr befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit der örtlichen NS-Geschichte. An diesem 11. April wurde von Otto Lüer um 7 Uhr mit den Kirchenglocken Panzeralarm ausgelöst. Ein Schuhlager in der Schule wurde geplündert. Zu Plünderungen kam es auch in der Muna, dorthin hatten Firmen ihre Waren ausgelagert. Die Nazi-Führer waren nicht mehr zu sehen. Aus vielen Fenstern hingen weiße Bettlaken.

Die amerikanischen Truppen näherten sich von Brunsrode her. Sie gaben einige Warnschüsse aus einer Kanone und drei Feuerstöße aus einem Maschinengewehr ab und marschierten gegen Abend in Lehre ein. Den Ort, in dem die NSDAP bereits 1928 die stärkste Partei gewesen war, übergaben zwischen 17 und 18 Uhr zwei mutige Männer: der schwer kriegsverletzte Hermann Bumcke und der Landwirt Wilhelm Koch. Der US-Hauptmann, auf den sie trafen, erkundigte sich mit Hilfe eines Dolmetschers nach Bumckes Kriegsverletzung und wollte wissen, warum der Bürgermeister nicht zur Übergabe erschienen sei.

Auch einige französische Kriegsgefangene gingen den US-Soldaten mit der Trikolore entgegen, um sie als Befreier zu begrüßen. Die Fahne hatte Charles Lemaire am Morgen des 11. April eigens für diesen Zweck aus Stoffresten gefertigt und an einem Besenstiel befestigt. „Ich war sehr stolz auf mein Werk“, schrieb er später an Otte. Die französischen Männer trafen am frühen Abend auf der Straßenkreuzung Zum Börneken (damals: Bahnhofstraße)/Im Winkel auf die US-Soldaten. Das amerikanische Vorauskommando, das aus einem Jeep und einem Panzer bestand, hatte dort Halt gemacht.

Erst am nächsten Tag, am 12. April 1945, erreichten zwei amerikanische Panzer das Muna-Gelände. Sie richteten ihre Kanonen auf die Muna-Einfahrt und besetzten die Rüstungsfabrik kampflos. Alle Bewohner mussten vor dem Wachgebäude antreten und die Anordnungen der Amerikaner entgegennehmen. Unter anderem dufte das Muna-Gelände nicht mehr betreten werden. Die Übergabe verzögerte sich, weil die Amerikaner kein Deutsch sprachen
und einen Übersetzer benötigten. In einem der Wohnhäuser richteten sie anschließend ihr Hauptquartier ein.

Damit hat Lehre zwei Daten, die den Tag der Befreiung markieren: den 11. April 1945 und den 12. April 1945. Der Rat der Gemeinde Lehre hatte im Herbst 1935 per Beschluss den Kampstüh mit der Muna eingemeindet.

Das Gedenken an den 11. April hat in Lehre bereits Tradition. Seit den 1990er Jahren fanden Treffen auf dem Friedhof an der Zwangsarbeiter-Grabstelle statt. Radtouren führten zu den Stätten, die an die NS-Zeit erinnern. 1985 und 1995 fanden besondere Gedenkandachten in der evangelischen Kirche statt. 1995 berichteten Zeitzeugen sehr ausführlich, wie sie die Befreiung Lehres erlebten.

Und auch in der jüngeren Vergangenheit erfolgten wichtige Schritte gegen das Vergessen: Seit 2015 werden die Muna-Rundgänge angeboten und seit Sommer 2016 erinnert eine Informationstafel an der Muna-Einfahrt an die Geschehnisse im Kampstüh während der NS-Zeit (die Tafel wurde 33 Jahre nach der ersten Antragstellung im Rat errichtet). Vor zwei Jahren beschäftigte sich eine Ausstellung im Rathaus Lehre mit den Leiden der sowjetischen Kriegsgefangenen in der Muna Lehre. Diese Ausstellung sollte im April erneut im Rathaus gezeigt werden. Sie wurde jedoch ebenso wie zwei geplante Muna-Rundgänge aufgrund der Corona-Situation abgesagt. Die Veranstaltungen sollen zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Muna-Rundgang als Zeichen gegen das Vergessen – Räumung der Rüstungsaltlasten soll am 1. September beginnen  

 

Lehre. Als ein Zeichen gegen das Vergessen findet am Sonnabend, 22. Juni, ab 14.30 Uhr eine weitere Führung auf dem Gelände der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt (Muna) Lehre statt. Treffpunkt ist am 22. Juni die Einfahrt zur Muna. Diese befindet sich im Kampstüh an der Kreisstraße nach Boimstorf, rund einen Kilometer hinter Lehre. Der Rundgang wird etwa 90 Minuten dauern.

 

Mit dem Rundgang auf dem ehemaligen Muna-Gelände soll an die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 erinnert werden. Uwe Otte wird berichten, welche Funktion die heute noch stehenden Gebäude vor 74 Jahren hatten. Außerdem will Otte, der ehemalige Ratsherr befasst sich seit Jahren mit der Muna-Geschichte, darüber informieren, wie es gelang,  von 19 sowjetischen Kriegsgefangenen, die die Zwangsarbeit nicht überlebten, die Personalkarten zu bekommen.

 

Die Muna Lehre lieferte beispielsweise große Mengen Munition für den Überfall auf Polen am 1. September 1939. Bei den Munas handelte es sich um staatliche Rüstungsbetriebe, deren Aufgabe es war, Kampfmittel und Munition zusammenzusetzen und zu lagern. Auf dem rund 200 Hektar großen Muna-Gelände entstanden etwa 140 Gebäude – darunter 92 Bunker. Damit war die Muna zu jener Zeit flächenmäßig größer als der Ort Lehre.

 

In der Muna waren mehrere Hundert Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Einsatz, darunter bis zu 400 sowjetische Kriegsgefangene und etwa 100 sowjetische Frauen. Insgesamt waren in der Muna während des Krieges etwa 1.200 Menschen tätig. Truppen der 5. US-Panzerdivision befreiten am 12. April 1945 die Muna Lehre von der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. In einem der Wohnhäuser richteten sie anschließend ihr Hauptquartier ein.

 

Im Sommer 1945 übernahmen die Briten als zuständige Besatzungsmacht die Muna. 1946 kam sie auf eine Liste von zehn derartigen Munitionsanstalten, die zerstört werden sollten. Vernichtet wurden dann aber 1947 nur die Materialien und Geräte, die zur Herstellung der Munition gedient hatten. Bis zu ihrem Abzug im Februar 1951 sprengten die Briten Munition aus der Muna auf der „Neuen Wiese“. Die Räumung der Rüstungsaltlasten auf dem ehemaligen Muna-Sprengplatz soll nach mehreren Verzögerungen nun endlich am 1. September beginnen und drei Jahre dauern. Auch daran wird bei dem Rundgang erinnert.

 

 

 

Ausstellung im Rathaus zeigt ab 11. April sowjetische Kriegsgefangene – Muna-Rundgang findet am 14. April statt

 

Eine Ausstellung im Rathaus von Lehre zeigt sowjetische Kriegsgefangene in der Muna Lehre. Der Titel der Veranstaltung, diebis zum 28. Mai zu sehen ist, lautet: „‘Die hungernden Russen sahen erbärmlich aus‘- Sowjetische Kriegsgefangene in der Heeresmunitionsanstalt Lehre 1941 – 1945“.

 

Gezeigt werden die Personalkarten von 18 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in der Muna Lehre Zwangsarbeit leisten mussten und diese nicht überlebt haben. Auf den Karten sind die biographischen Daten der Männer enthalten. Außerdem zeigen sie jeweils ein Foto der Männer. Diese sowjetischen Männer bekommen somit wieder einen Namen und ein Gesicht. Lange war nur wenig über sie bekannt. Erst seit 2011, als uns die Personalkarten von der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin zur Verfügung gestellt wurden, änderte sich das. In der Muna mussten bis zu 400 russische Gefangene Zwangsarbeit leisten.

 

Zu sehen sind in der Ausstellung auch die französischen Kriegsgefangenen in Lehre. Im Jahr 1943 waren 42 Kriegsgefangene aus Frankreich im Ort. Sie bildeten die zweitgrößte Gruppe an Gefangenen und mussten von 1940 bis 1945 auf den Bauernhöfen arbeiten. Am 11. April 1945, der Tag an dem Lehre befreit wurde, gingen als erste einige französische Gefangene den amerikanischen Soldaten mit der Trikolore entgegen, die sie aus Stoffresten für diesen Anlass gefertigt hatten.

 

Die Ausstellung wird am 11. April um 17 Uhr im Rathaus in Lehre eröffnet. Der Eintritt ist frei und eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das gilt auch für den drei Tage später, am 14. April, statt findenden Muna-Rundgang. Die Muna Lehre wurde am 12. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit (es gibt somit in Lehre zwei Tage der Befreiung). Startpunkt der Führung ist um 14.30 Uhr an der Einfahrt zur ehemaligen Heeresmunitionsanstalt. Der Rundgang wird etwa 90 Minuten dauern. Herzlich Willkommen bei beiden Veranstaltungen.

 

 

„Earth Hour“: Unterstützung nicht nur in den Großstädten – auch Lehre soll mitmachen

 

Als ein Zeichen für “mehr Klimaschutz“ und „für einen lebendigen Planeten“ sollen am Sonnabend, 24. März, auch in Lehre für eine Stunde die Lichter ausgehen. Die örtliche Basisgruppe Lehre (BL) ruft dazu auf, sich an der weltweiten Aktion „Earth Hour“ des World Wildlife Fund (WWF) zu beteiligen.

 

„Der Stromverzicht sollte ab 20.30 Uhr erfolgen“, teilte der Sprecher der Basisgruppe Lehre, der ehemalige Ratsherr Uwe Otte, mit. Der Klimawandel sei nicht nur ein Thema für die benachbarten Großstädte Braunschweig und Wolfsburg, in denen bereits zur Teilnahme an der „Earth Hour“ aufgerufen worden sei.

 

Vor allem viele Tiere litten schon jetzt unter den Folgen des Klimawandels. Mit der Teilnahme am Sonnabend könnten alle ihre Bereitschaftzum Erhalt der Artenvielfalt signalisieren, heißt es in dem Aufruf der BL.

 

 

 

Endlich: Suche nach Rüstungsaltlasten auf der „Neuen Wiese“ soll noch in diesem Jahr beginnen – Räumung der Sprengtrichter soll drei Jahre dauern

 

Lehre. Nun soll es endlich losgehen: Die Räumung der gefährlichen Altlasten auf der „Neuen Wiese“, dem ehemaligen Sprengplatz der Heeresmunitionsanstalt (Muna) Lehre, soll noch in diesem Jahr beginnen. Diese Nachricht hat Lehres ehemaliger Ratsherr, Uwe Otte, in einem Gespräch mit dem allgemeinen Vertreter des Bürgermeisters, Tobias Breske, erhalten.

 

Otte, der sich seit 1986 für die Räumung der Rüstungsaltlasten in der Muna Lehre einsetzt, hatte eine Anfrage zum möglichen Beginn der Altlastenräumung auf der Fläche im „Beienroder Holz“ an die Gemeinde gerichtet. Daraufhin erhielt er eine Einladung zum Gespräch. Otte erfuhr, dass es Gespräche zwischen den drei Beteiligten, den Landesforsten, dem Landkreis Helmstedt und der Gemeinde Lehre, gegeben hat. Das Ergebnis: Noch in diesem Jahr sollen Teilbereiche der „Neuen Wiese“ mit Sonden nach alter Munition abgesucht werden.Im Anschluss daran soll dann – wahrscheinlich im Jahr 2018 -die Suche in demvermutlich stark belasteten Kernbereich mit den dort befindlichen 25 Sprengtrichtern beginnen. Geplant sindfür dieses aufwendige Vorhaben drei Jahre. Otte hält das für eine„eheroptimistische Schätzung“. Seit rund einem Jahr warnen Hinweisschilder an der betroffenen Fläche vor möglichen Risiken: „Betreten verboten – Gefahr für Leib und Leben“.

 

Über die möglichen Kosten dieser umfangreichen Räumaktion seinach Aussage der Gemeinde bei dem Treffen zwischen den Beteiligten nicht gesprochen worden, so Otte. Das Land Niedersachen hatte bereits in den 1990er Jahren Untersuchungen auf der „Neuen Wiese“ vorgenommen und dabei einen Sprengtrichter geräumt, um Detailinformationen zu erhalten. Dabei wurden während der achtmonatigen Räumaktiongroße Mengen alter Munition entdeckt.

 

1997 stellte das Nds. Umweltministerium in seinem vorläufigen Abschlussbericht „Gefährdungsabschätzung von Rüstungsaltlasten in Niedersachsen“ einen „Untersuchungs- und Sanierungsbedarf“ auf der Fläche aufgrund von „Munitions- und Kampfstofffunde(n) mit den daraus resultierenden Belastungen des Bodens und des Grundwassers“ fest.  Otte: „Zu einer Räumung der gefährlichen Rüstungsaltlasten kam es jedoch nie, weil das Geld fehlte.“ Seit 2010 steht die „Neue Wiese“wieder im Landesräumprogramm. Mehrere Male wurde seitdem die Räumung der Altlasten vom Land bzw. dem Kampfmittelbeseitigungsdienst angekündigt. Es geschah jedoch nichts. Grund für die Verzögerungen: Der Landkreis Helmstedt forderte, dass vor Beginn der Räumung „eine FFH-Verträglichkeitsprüfung stattfinden muss“. Otte: „Die Beseitigung dieser brisanten Kriegsfolgen wäre ein längst fälliger Schritt zum Schutz von Mensch undUmwelt – 72 Jahre nach Kriegsende.“

„Granaten aus dem Kampstüh“. Die 28 Seiten umfassende Broschüre über Rüstungsproduktion und NS-Zwangsarbeit in Lehre ist weiterhin gegen eine Kostenbeteiligung von 3 Euro ggf. plus Porto erhältlich.
Kontakt: Manfred Laube, Gleiwitzer Str. 12, 38165 Lehre
Tel. 05308 9378950

Vergessen

Wir danken heute dem scheidenden Bürgermeister und dem (Noch-) Ortsbürgermeister, dass im Protokoll der Sitzung des Ortsrates Lehre am 26. Mai 2016 die bescheidene Mitwirkung von uns an der Informationstafel „Mahnort Muna Lehre“ erwähnt wird. Gerne haben wir geholfen, den so genannten „Text“ von Herrn Knigge (Ortsheimatpfleger) zu „ergänzen“, wie es im Protokoll heißt. Der „Text“ hatte 79 Wörter.

Herr Knigge hat zwar null Einfluss auf die Formulierungen der Tafel gehabt. Allerdings war ursprünglich an einen Gedenkstein oder an eine steinerne Tafel gedacht worden. Unser eifriger Ortsbürgermeister hatte schon den Kostenvoranschlag eines Steinmetzes besorgt. Dem Ortsheimatpfleger wurde aufgegeben, die Formulierung zu liefern. Das Ergebnis war inhaltlich und grammatisch missglückt. Knigge mahnte „zum Gedenken der Opfer“, statt der Opfer zu gedenken.

Wir gehen inzwischen davon aus, dass der Ortsrat der festen Überzeugung ist, die Munatafel sei ein Erfolg seiner Bemühungen. Ratsherr Möllenberg hatte ja bereits in einer früheren Sitzung bekannt, dass er – trotz seiner protokollierten Gegenstimme im Kulturausschuss am 10. Mai 1985 – schon immer für eine Tafel an der Muna gewesen sei. Und auch Ratsherr Ehlers hatte darauf hingewiesen, dass wir die Tafel schon längst hätten haben können.

Viel Anerkennung verdient auch die in der Gemeinde fest verankerte Kultur des Vergessens, wie sie der Gemeindebürgermeister bei der Enthüllung der Tafel angesprochen hat. Ohne Archive kann man viel freier und positiver mit historischen Ereignissen umgehen. Und wir ergänzen, es spart Kraft und Zeit, wenn beispielsweise die Gemeinde auf ihrer Webseite über Wendhausen an der Würdigung eines korrupten Grafen festhält.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir natürlich, dass nichts unternommen wird, um das Protokoll der Ortsratssitzung zu korrigieren. Man kann sich ja schließlich denken, dass mit „Herr Schräbler“ Harald Schraepler von der Braunschweigischen Landschaft gemeint ist, der die Realisierung und Finanzierung der Tafel verantwortete. Eine Leistung, zu der Orts- und Gemeinderat 30 Jahre lang nicht fähig waren.

Wir sind weiter aktiv und gönnen uns keine Wahlkampfpause.
Deshalb folgender Brief an das

Niedersächsisches Ministerium
für Inneres und Sport
Postfach 221
30002 Hannover

Verletzung der Rechtsaufsicht durch den Landkreis Helmstedt
Ihr Schreiben vom 23.08.2016, Ihr Zeichen: 32.99 – 10132_154

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit rund zehn Monaten bemühen wir uns vergeblich um Erkenntnisse zum Aktenbestand der Gemeinde Lehre. Unter anderem fragen wir, wie das Niedersächsische Archivgesetz von der Kommune umgesetzt wird und wer die Verantwortung für die Vernichtung von Akten trägt.

Wir haben ein Schreiben des Ersten Kreisrates Hans Werner Schlichting erhalten (s. Anlage). Nach unserem Eindruck versucht der Landkreis Helmstedt, damit von einem fortdauernden Rechtsbruch und seiner Verantwortung abzulenken. Herr Schlichting geht auf keine einzige unserer Fragen ein. Das Archivgesetz wird im Schreiben des Landkreises Helmstedt nicht einmal erwähnt.

Der Versuch des Ersten Kreisrates, die kritischen Fragen zum Umgang mit schützenswertem Archivgut als individuelles Interesse abzutun, ist nicht nachvollziehbar. Es geht hier darum, einem Landesgesetz Geltung zu verschaffen, also um eine Rechtmäßigkeitskontrolle. Die Ablage und Aufbewahrung von Unterlagen einschließlich der Erstellung eines Aktenplanes sind nach unserer Kenntnis außerdem Bestandteil ordnungsgemäßer Verwaltung.

Der Erste Kreisrat verweigert mit seinem Schreiben die Rechtsaufsicht. Er verkennt völlig, dass die kommunale Selbstverwaltung mit ihren Hoheitsrechten in ein demokratisches Rechtssystem eingebunden ist. Das Niedersächsische Kommunalverfassungsgesetz, auf das sich Herr Schlichting sogar bezieht, stellt bereits im Paragrafen 1 die kommunale Selbstverwaltung in den Rahmen des geltenden Rechts.

– 2 –

Herr Schlichting schreibt: „Die Kommunen entscheiden danach eigenständig über den Umgang mit ihren eigenen Unterlagen im Rahmen ihrer Organisationshoheit.“ Es fehlt bei Herrn Schlichting der Zusatz: „…und im Rahmen des geltenden Rechts“. Im Übrigen wollen wir von der Gemeinde Lehre ja gerade darüber informiert werden, welche Entscheidungen
sie – im Rahmen ihrer Organisationshoheit – über die Archivierung und den Zugang zu ihren Unterlagen getroffen hat.

Wir haben darauf verzichtet, dem Landkreis Helmstedt direkt zu antworten, da uns dieser Schritt als sinnlos erscheint. Vom Innenministerium würden wir gerne erfahren, welche unserer Fragen aus welchem Grund nicht beantwortet werden können oder dürfen. Ansonsten erwarten wir einen Hinweis darauf, wer in welchem Zeitabstand antwortet.

Hier noch einmal ein Ausschnitt aus unserem Schreiben vom Oktober 2015 an Herrn Bürgermeister Klaus Westphal:

„Wir haben daher inzwischen gewisse Zweifel, ob die Gemeinde Lehre bei ihrem Umgang mit Akten den Anforderungen des Niedersächsischen Archivgesetzes genügt. Wir bitten Sie deshalb um eine Stellungnahme, ob und in welcher Form das Archivgesetz in Lehre angewandt wird oder werden soll.

Darüber hinaus haben wir folgende Fragen:
1. Nach welchen Kriterien und für welchen Zeitraum werden Verwaltungsakten der Gemeinde Lehre aufbewahrt?
2. Für wen sind diese Akten zugänglich?
3. Wer entscheidet aufgrund welcher Kriterien über eine eventuelle Vernichtung von Akten?
4. Wer war in der Vergangenheit für die Vernichtung von Akten verantwortlich?
5. Welche Jahrgänge der Ratsprotokolle sind vollständig vorhanden?
6. Welche Unterlagen sind in der Vergangenheit an das Niedersächsische Landesarchiv – Standort Wolfenbüttel oder gegebenenfalls an andere Archive (welche?) abgegeben worden?“

Für Ihre Bemühungen bedanken wir uns.